„Was die kleine Momo konnte, wie kein anderer, das war: Zuhören. (…) Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.“

Ein Singvogel im Käfig, der schon ein halbes Jahr nicht mehr gesungen hat, fängt plötzlich wieder zu singen an, als Momo ihm zuhört. „Ich glaube man muss ihm zuhören, auch wenn er nicht singt“,reflektiert das Mädchen. 

Zuhören, auch jemandem, der nicht singt. Auch und gerade dann, wenn jemand traurig, bedrückt, wütend oder verärgert ist. Solch ein Zuhören kann dem Gegenüber das Tor zu einem Weg öffnen, der in die eigene Mitte führt.  

Doch wie werde ich zu einem Menschen, der zuhören kann, wie Momo?

In der Zen Tradition gibt es den bekannten Begriff der „Offenen Weite“. Er beschreibt den Zustand des inneren Offen- und Wachseins und der inneren Aufmerksamkeit, der sich nicht nur während des Za-Zen, der Sitzmeditation, einstellt, sondern mit wachsendem Bewusstsein auch im Alltag vorherrschend wird. Dabei geht es nicht darum, etwas Besonderes zu wollen, sondern einfach ganz da zu sein, im Hier und Jetzt, offen, weit und präsent zu sein. Kinder sind meist ganz von allein in diesem Zustand. Dieselbe Präsenz wird auch im ursprünglichen Spiel (Original Play) mit Kindern wachgerufen und eingefordert. 100% im Hier und Jetzt, ganz da und ganz im Spielen sein, ist die Schlüsselkompetenz für Original Play. „Offene Weite“, Präsenz, Wachheit und Aufmerksamkeit sind auch die Voraussetzungen fürs Zuhören.

Als ich einmal eine Gruppe von Kindern in einem Wiener Kindergarten in den Bewegungsraum zum Spielen mitnahm, war Mike, ein zweieinhalb-jähriger Junge, sehr missgelaunt und nach innen gekehrt. „Stimmt was nicht?“ fragte ihn sein Pädagoge, doch Mike schaute weg und antwortete nicht. Ich wandte mich ihm kurz zu und sagte ihm, dass er bei jeder Einladung immer für sich entscheiden konnte, ob er zum Spielen auf die Spielfläche kommen, oder nur zuschauen wollte. Bei der dritten Einladung kam er schließlich und spielte eine Runde mit. Dann setzte er sich an den Rand, sah zu seinem Pädagogen, der auf der Seite saß, und sagte klar und deutlich: „Julian darf heute doch nicht bei mir übernachten.“ Damit war alles gesagt. Der Schmerz löste sich auf, ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit und er hatte seine gute Laune wieder.

Für Eltern ist Momos Fähigkeit zuzuhören eine der wichtigsten Kompetenzen für lebendige und gleichwürdige Kommunikation in der Familie. Von den Psychologen Carl Rogers und Thomas Gordon wurde sie auch als „Aktives Zuhören“ bzw. „Sprache der Annahme“ beschrieben. Hier gelten die gleichen Voraussetzungen: präsent sein mit einer Haltung, die echt, empathisch und wertungsfrei ist. Dabei nehme ich als Zuhörer mein Ich ganz zurück. Meine Körperhaltung und mein Blick sind offen und der Person, der ich zuhöre, zugewandt. Meine Aufmerksamkeit richtet sich ganz auf sie. Gegebenenfalls wiederhole ich, was ich höre, bekunde Aufmerksamkeit oder spreche Gefühle an, um sie zum Sprechen einzuladen und das Gespräch in Gang zu setzen. Und dann lasse ich mein Gegenüber einfach sprechen, bin „ganz Ohr“. Bewerten, Kommentieren, Lösungen anbieten wollen, das alles hat hier keinen Platz.

„Es ist was es ist sagt die Liebe“. Dieser Refrain aus dem Gedicht „Was es ist“ von Erich Fried beschreibt ebenfalls diese Grundeinstellung fürs Zuhören. Alleine aus dieser Haltung heraus, fällt zuhören leicht, denn was plötzlich nach vorne rückt, sind die eigene Herzensstärke und die Liebe für den Nächsten.    

Momo hat das Zuhören ganz zu ihrem Weg gemacht, mit sich und mit der Welt in Verbindung zu sein.

„An manchen Abenden, wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große Stille. Dann kam es ihr so vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte. Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu Herzen ging. In solchen Nächten hatte sie immer besonders schöne Träume.“

In allen von uns steckt auch ein Teil Momos besonderer Fähigkeit des Zuhörens. Vielleicht bedarf es nur eines kurzen Moments des Innehaltens und eines kleinen inneren Loslassens, um uns mit dieser Fähigkeit wieder ganz zu verbinden.